Leseproben
Farbenspiel
Heute ist einer dieser Tage, an denen der Herbst den Bildern widerspricht, die ich ihm zuordne. Kein nebelverhangener Morgen, kein um die Ecken pfeifender Sturm, gegen den ich mich anstemmen muss.
Auch den Nieselregen hat er im Irgendwo gelassen, der mich die unangenehme Kälte fühlen lässt, die von den Füßen her aufsteigt und in die Knochen fährt. Melancholie und Tristesse haben Startverbot.
Diesen Tag hat er noch einmal an die Sonne verschenkt, ohne Einschränkung.
Die Sonne nutzt ihre Chance. Sie kommt hinter dem alten Kirchturm hervor, springt zwischen die Marktfrauen, die hinter ihren Ständen auf die ersten Kunden warten, spaziert die Fassaden der Bürgerhäuser entlang und riskiert hin und wieder einen spionierenden Strahl durch die blankgeputzten Fenster in die dahinter liegenden Wohnungen. Gediegen sieht’s aus.
Neugierig lugt sie in die dunklen Seitenstraßen, in der die schwarzäugigen Fremden wohnen …
Gang durch die Geest
Heute Nachmittag setzt sich die Sonne gegen graue Wolkenberge durch, malt glitzernde Akzente auf rote Winterbeeren und stacheliges Blattwerk. Ich pfeife den Hund herbei und nutze die Regenpause.
Schnurgerade führt der Weg in die Geest; mein Ziel - das Poggenpohlsmoor. Weißgebleichte Birken und knorrige Eichen sind meine Begleiter, neigen sich mir zu, erzählen aus sturmerprobtem Leben. Moosiger Waldboden
Ich hatte eine Schwester.
Die Frau, in der sie wuchs, nannte sie verlegen lächelnd‚ 'ein Versehen in späten Jahren’.
Der Mann, der sie mit wohligem Stöhnen gezeugt, bezeichnete sie als 'Betriebsunfall'.
Ich hingegen liebte sie von Beginn an, nahm mir vor, auf sie aufzupassen, mit ihr zu spielen. Ich war schon zwölf.
Als der Bauch meiner und ihrer Mutter sich wölbte, bat ich, ihr den Namen Ricarda zu geben. Die Frau sagte, der Name sei so gut wie jeder andere. Dem Mann war es egal.
Vier Wochen vor der Zeit brachte die Frau meine Schwester zur Welt.
Der Mann kam aus dem Krankenhaus heim ohne Freude.
„Sie wird nicht überleben, hat einen Wasserkopf und einen offenen Rücken.“
Dann ging er zur Arbeit.
Als er eine Woche später die Frau nach Hause holte, hatte die Großmutter den Kaffeetisch hübsch eingedeckt und Kuchen gebacken. Die Frau lobte die Kirschtorte und der Mann den Frankfurter Kranz.
Ricarda fehlte. "Was ist mit ihr?“ Meine Stimme klang zittrig.
Für einen Augenblick wurde die Frau meine Mutter. Ihre Hand strich kurz über meine Wange und ihre Stimme klang weich.
„Sie ist schon vor drei Tagen gestorben. Wir haben sie bei einem Erwachsenen beilegen lassen. Denk nicht mehr dran.“ Sie wandte sich wieder dem Kuchen zu.
Abends kam Großmutter an mein Bett, hielt lange meine Hand.
„Sieh zu den Sternen, Kind. Riccarda ist jetzt einer von ihnen. Du findest sie dort. Ich bleibe bei dir, bis du eingeschlafen bist.“
Ich hatte eine Schwester...
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Podcast: Ich hatte eine Schwester
